Von der Lernstube zum Berufsabschluss

Im Kanton Zürich gibt es schätzungsweise 140'000 Erwachsene mit unzureichenden Grundkompetenzen. Die Hälfte der Betroffenen besitzt die Schweizer Staatsbürgerschaft, zwei Drittel hat die Schweizer Volksschule besucht. Mit den gegenwärtigen Veränderungen im technologischen Bereich wachsen die Befürchtungen, dass im Zuge der «Digitalisierung der Gesellschaft» in den kommenden Jahren mehr als die geschätzten 15 Prozent der erwachsenen Bevölkerung trotz der ausgezeichneten formalen Bildungswege des Schweizer Bildungssystems nicht mehr über ausreichende Grundkompetenzen verfügen werden. Der Kanton Zürich fördert daher den Erwerb und Erhalt Grundkompetenzen Erwachsener.

Die Grundkompetenzenförderung des Kantons Zürich begünstigt zwei Zielgruppen:

  1. Bildungsferne Erwachsene, die das Schweizer Bildungssystem wenig erfolgreich durchlaufen haben. Diese Personen weisen aufgrund ihrer Erfahrungen Bildungswiderstände auf und sind ohne Hilfestellung nicht in der Lage, eine Grundkompetenz wie Lesen und Schreiben nachträglich selbständig zu erwerben. Über Jahre hinweg haben sie sich Strategien angeeignet, um ihre Defizite zu verdecken, sowohl im persönlichen Umfeld als auch auf der Arbeit. Rund zwei Drittel der Betroffenen sind arbeitstätig, arbeiten jedoch in Branchen, die wenig in berufliche Weiterbildung investieren. Vornehmliches Ziel der Grundkompetenzenförderung ist daher die Befähigung von bildungsfernen Personen für den Wiedereinstieg in eine persönliche Lern- und Bildungslaufbahn.

  2. Bildungsbenachteiligte Erwachsene, die in der Lage und gewillt sind, einen formalen Abschluss nachzuholen, jedoch in den Grundkompetenzen Nachholbedarf aufweisen. Diese Zielgruppe besteht vornehmlich aus Personen der ersten Fördergruppe, die den Wiedereinstieg in das Schweizer Bildungssystem in Angriff nehmen, sowie aus sozial und beruflich bereits gut integrierten Personen mit Migrationshintergrund, die ihre schulische oder berufliche Grundbildung nicht in der Schweiz durchlaufen haben und spät zugewandert sind. Letztere weisen vor allem im Bereich «Sprache als Instrument einer formalen Ausbildung» Defizite auf. Ziel in diesem zweiten Bereich ist daher das Schaffen und Koordinieren von ergänzenden Grundkompetenzen-Angeboten, die dazu befähigen, einen Berufsabschluss für Erwachsene (Eidg. Berufsattest EBA oder eidg. Fähigkeitszeugnis EFZ) oder einen Sekundarabschluss für Erwachsene anzugehen.

Es zeigt sich, dass für den Weiterbildungsbereich Grundkompetenzen an vielen Orten in der Schweiz bereits ein gutes Förderangebot existiert und auch beworben wird, dass die Zielgruppe mit den herkömmlichen Bildungsformaten und Werbeinstrumenten jedoch schlecht erreicht wird. Sinnvoll und notwendig sind daher ergänzende Lernstrukturen und flexiblere Fördermassnahmen. Die Koordinationsstelle führt ab 2019 als erstes das Pilotprojekt «Lernstuben» durch. Das Projekt hat zum Auftrag, zielgruppenfreundliche Lernumgebungen mit aufsuchenden Kursformaten, Beratungsmöglichkeiten und konkreter Hilfestellung zu schaffen, um bildungsbenachteiligten Personen einen Wiedereinstieg in die Bildung zu ermöglichen. Die Lernstuben bilden eine niederschwellige, «vorkursorische Ebene», die mit den nicht-formalen Kursen der berufsorientierten und allgemeinen Weiterbildung nicht in Konkurrenz tritt. Die Projektausschreibung wird auf der Homepage und über den Newsletter kommuniziert.